Da waren Geräusche ...

Evangelische Stadtkirche Waldkappel

Wieder waren da Geräusche gewesen. Aber nicht, wie im vorigen Jahr im Kamin der Kirchenheizung, sondern diesmal waren in der Werkstatt von Malermeister Többen diese seltsamen Kratzgeräusche zu hören gewesen. Nach 2 Tagen vergeblicher Suche konnten sie schließlich geortet werden: Sie kamen auch dort aus der Reinigungsklappe eines Schornsteins. Und wieder war es ein abgestürzter, aber unversehrter Fluganfänger der Turmfalken, die nun schon seit mehreren Generationen in den Nistkästen des Kirchturms der Ev. Stadtkirche in Waldkappel brüten - und ihre Jungen so gut füttern, dass die dann bei den ersten Flugversuchen wie nasse Säcke vom Himmel plumpsen. Anschließend sitzen die Jungvögel dann wie das sprichwörtliche Häufchen Elend am Fuß des Kirchturms und warten auf den menschlichen Taxiservice, der sie mit Lederhandschuhen wieder auf die Höhe der Kirchturmuhr hinaufträgt. Eigentlich wäre es im Juli gar nicht mehr unbedingt nötig gewesen, den gefiederten unfreiwilligen Schornsteinfeger wieder hinaufzutragen, es fehlte ihm außer etwas Gewicht rein gar nichts. Im Gegenteil: Das zweitägige Zwangsfasten hatte seine Flugtauglichkeit erheblich erhöht, wie er augenblicklich unter Beweis stellte, als die Retter mit ihm den Turm erklommen hatten: Kaum oben abgesetzt, segelte er elegant vom Fenstersims hinter dem Zifferblatt der Uhr hinunter auf die Kastanie auf dem Kirchplatz. Das Hochtragen war weniger für den Vogel als für die besorgten Tierfreunde wichtig, und es wiederholte sich in den folgenden Tagen noch etliche Male. Interessante Fotos sind dabei entstanden. Als auch die Konfirmanden einmal Turmfalkentaxi spielen wollten, hatten sie besonders leichtes Spiel; denn es hatte geregnet. Der klatschnasse Jungvogel machte nicht bloß einen erbärmlichen Eindruck, er schien regelrecht darauf zu warten, hochgetragen zu werden. Oder wollte er gefüttert werden? Er sperrte ohne jede Spur von Abwehrverhalten den Schnabel auf, als wollte er mit einer frisch erjagten Maus gefüttert werden. Hatten wir nicht, leider! Und die bereits ausreichend als Abendessen von den besorgten Falkeneltern bereitgelegten Kernstadtmäuse machten keinen wirklich appetitlichen Eindruck mehr. Also hinauf in luftige Höhen! Eine solche Turmbesteigung ist ein Erlebnis mit Langzeitwirkung: Die 600 Jahre alten Stufen sind so seltsam in ihren Abmessungen, dass man’s hinterher in den Waden spürt...

Dann kam Donnerstag, der 8. Juli 21. Um ½ 10 Uhr morgens kracht etwas gegen eins der frisch geputzten Pfarrhausfenster oberhalb der Eingangstür. Der Bruchpilot ist einer der Turmfalken. Keine 2 Sekunden später kracht ein weiterer Turmfalke auf den ersten, und jetzt wird klar: Das war Absicht! Die zwei zanken sich um eine tote Maus. Abgeben und Teilen geht gar nicht! Aber auch ohne das Zerteilen der Beute sieht die Fensterbank bereits aus wie ein blutverschmiertes Schlachtfeld. Falke 1 lässt sich wenig später mit seiner Maus einfach fallen und landet gekonnt vor der Pfarrhaustreppe, gefolgt von Falke Nr. 2, der es jedoch erst einmal vorzieht, sich mit Sicherheitsabstand auf dem Treppengeländer niederzulassen und zu schimpfen und zu zetern. Dieweil Nr 1 jetzt bereits die Maus halb im Rachen hat, stimmt die bisher nicht beachtete Nr. 3 von der Zuschauertribüne des Kirchturms herunter ebenfalls in das Geschrei ein. Derart angefeuert, stürzt sich Nr. 2 abermals auf Nr. 1, aber wer zu spät kommt, den bestraft das Leben: Der letzte Zipfel Mauseschwanz, der im Schnabel von Nr. 1 verschwindet, erinnert für wenige Augenblicke von ferne an das Schlussbild des Streichs von Max und Moritz bei Witwe Bolte:  „Von dem ganzen  Mauseschmaus guckt nur noch der Schwanz heraus.“ Fazit: Die Saison für die Lederhandschuhe vom Turmfalkentaxi ist jetzt endgültig vorbei – bis nächstes Jahr.

Rolf Hocke